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Kurzbeschreibung
Marie lebt zufrieden mit ihrem Ehemann Michel Adler, den sie innig liebt. Ihr Glück scheint vollkommen, als sie ein Kind erwartet. Doch dann muss Michel in den Kampf gegen die aufständischen Hussiten ziehen. Er beweist so viel Mut, dass er zum Ritter geschlagen wird - und verschwindet nach einem grausamen Gemetzel spurlos. Nachdem er für tot erklärt wird, ist Marie ganz auf sich allein gestellt und sieht sich täglich neuen Demütigungen ausgesetzt. Schließlich bleibt ihr nur ein Ausweg: Sie muss von ihrer Burg fliehen. Marie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Michel noch leben könnte, und schließt sich als Marketenderin einem neuen Heerzug an. Es beginnt das Abenteuer ihres Lebens. Wird sie den geliebten Mann jemals wieder finden?
Auszug aus Die Kastellanin von Iny Lorentz. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Maries Blick schweifte kurz über die versammelten Jäger und kehrte wieder zu ihrem Mann zurück. Er saß auf seinem Pferd, als wäre er damit verwachsen, und führte den Zügel scheinbar achtlos mit der Linken, da er in der rechten Hand die zum Schuss gespannte Armbrust hielt. Neben ihm ritt ihr Gastgeber Konrad von Weilburg, ein ebenfalls stattlich zu nennender Mann. Beide waren mittelgroß und hatten breite, muskulöse Schultern, doch während der Weilburger bereits einen kräftigen Bauchansatz aufwies, hatte Michel immer noch die schlanke Taille und die schmalen Hüften eines jungen Mannes, und sein Gesicht mit der breiten Stirn unter den dunkelblonden Haaren, den hellen Falkenaugen und dem kräftigen Kinn wirkte energischer als das seines Gastgebers. Konrad von Weilburg verzichtete selbst bei der Jagd nicht auf hautenge Strumpfhosen und ein kunstvoll besticktes Wams, während Michel lange, bequeme Reithosen und eine einfache Lederweste mit halblangen Ärmeln über einem grünen Hemd trug. Seine Füße steckten in festen Stiefeln, und nur das mit zwei Fasanenfedern geschmückte Barett verriet dem Beobachter, dass er kein Knecht war, sondern der Ministrale eines hohen Herrn.
Michel musste Maries Blick gefühlt haben, denn er drehte sich noch einmal um, schwenkte übermütig die Armbrust und schenkte ihr ein verliebtes Lächeln, bevor er sein Pferd antrieb und hinter dem herbstbunten Laub des Waldes verschwand. Marie musste an jenen Tag vor zehn Jahren denken, an dem man sie mit ihrem Jugendfreund verheiratet hatte. Das »Ja, ich will!«, nach dem man sie bei
der Trauung im Inselkloster noch nicht einmal gefragt hatte, würde sie heute zu jeder Tages- und Nachtzeit sprechen, so glücklich war sie mit Michel geworden.
Irmingard von Weilburg lenkte ihre Rappstute neben Maries Pferd und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Wir können mit unseren Männern wirklich zufrieden sein. Beide sehen gut aus und sind von angenehmer Gemütsart, und was die gemeinsamen Nächte betrifft, so hätte ich es mit meinem Konrad nicht besser treffen können. Aber nun kommt, lasst uns zum Sammelpunkt zurückkehren. Ich
schieße ebenso ungern auf Tiere wie Ihr, Jagd ist in meinen Augen Männerwerk, genau wie der Krieg. Außerdem habe ich Appetit auf einen Schluck Würzwein, auch wenn er gewiss nicht so gut schmecken wird wie der, den Ihr uns letztes Jahr kredenzt habt.« Sie leckte sich noch in der Erinnerung daran die Lippen.
Marie lachte auf. »Oh ja, der ist wirklich gut gewesen. Die Kräuter hat mir meine Freundin Hiltrud, die Ziegenbäuerin, gemischt. Sie kennt die Geheimnisse vieler Pflanzen und weiß, welche von ihnen Krankheiten heilen können und welche einfach nur gut schmecken.«
»Ich kenne die Ziegenbäuerin. Als meine Schwarzmähne«, Frau Irmingard klopfte auf den Hals ihrer Stute, »letztens an einer schweren Kolik litt, habe ich unseren Stallknecht zu ihr geschickt, um mir einen Trank für mein Stutchen zubereiten zu lassen. Kaum hatte ich Schwarzmähne den Sud eingeflößt, ging es ihr auch schon besser, und sie ist über Nacht wieder gesund geworden.«
Marie freute sich über das Lob. Die Ziegenbäuerin war mehr als nur ihre beste Freundin, denn diese hatte sie einst halb tot am Straßenrand aufgesammelt, sie gesund gepflegt und ihr geholfen, die fünf schlimmsten Jahre ihres Lebens zu überstehen. Es gab nur einen einzigen Menschen, der ihr näher stand als Hiltrud, und das war ihr Michel, mit dem sie eine immer inniger gewordene Liebe verband.
Erst als ihr Reittier unwillig den Kopf hochwarf, bemerkte Marie, dass Frau Irmingard sie immer noch auffordernd anblickte, und nickte ihr zu. »Ich habe nichts dagegen, die Jagd vom Sammelplatz aus zu verfolgen, denn im Gegensatz zu Euch bin ich keine gute Reiterin und liebe es nicht, über Stock und Stein zu galoppieren.«
Das war noch eine Untertreibung, denn Marie zog es vor, mit der lammfrommen Stute, die Michel ihr besorgt hatte, im Schritt oder gemütlichen Trab über feste Straßen und Wege zu reiten. Im Sattel
fühlte sie sich immer noch nicht besonders wohl. Sie war in Konstanz aufgewachsen, einer Stadt, in der man Markt und Kirche zu Fuß erreichen und die Orte der Umgebung mit einem Schiff besuchen konnte, und hatte dort nie auf einem Pferd gesessen. Später, in den Jahren ihrer Verbannung, war sie viele tausend Meilen weit zu Fuß gegangen, aber als Frau eines Burghauptmanns durfte sie nicht einfach herumspazieren wie eine Magd, sondern musste, wenn sie die Nachbarburgen oder den Ziegenhof ihrer Freundin Hiltrud besuchen wollte, entweder einen Wagen benutzen oder in den Sattel steigen. Da sie nicht jedes Mal anspannen lassen wollte, wenn sie die Sobernburg verließ, hatte sie Michel gebeten, ihr das Reiten beizubringen, aber ihr war nach kurzer Zeit schon klar geworden, dass sie nie eine solch unerschrockene Amazone werden würde wie Frau Irmingard, die diesjährige Gastgeberin der ersten Herbstjagd. Es war in diesem Landstrich Brauch, dass einer der Burgherren und seine Gemahlin die Zeit der Herbstjagden festlich eröffneten und dazu sämtliche Nachbarn von den Burgen der Umgebung einlud.
Während Marie ihren Gedanken nachhing, plauderte Frau Irmingard unentwegt weiter. Die Herrin der Weilburg stammte aus adligem Hause wie auch die anderen hier versammelten Burgherren und ihre Damen, während Marie und ihr Mann bürgerlicher Herkunft waren. Das hatte Ludwig von der Pfalz nicht gehindert, Michel als Vogt des Amtes Rheinsobern über die meisten der hier anwesenden Standesherren zu setzen. Irmingard und Konrad hatten dennoch mit ihnen Freundschaft geschlossen, und sie pflegten gutnachbarliche Beziehungen. Fast alle, die zum Rheinsoberner Amt gehörten, hatten Michels Position ebenfalls akzeptiert, und diejenigen, die sich über die nicht standesgemäße Herkunft des Paares auf der Sobernburg mokierten, zeigten ihre Ablehnung nicht offen, denn niemand wollte sich die Feindschaft eines Mannes zuziehen, der so hoch in der Gunst des Pfalzgrafen stand wie Michel Adler. Es konnte ja nur eine Frage der Zeit sein, bis Herr Ludwig seinen treuen Gefolgsmann zum Ritter schlagen würde. Irmingard musterte Marie, die ihr doch etwas zu still geworden war.
»Euer neues Gewand kleidet Euch prächtig. Wollt Ihr so gut sein, mir den Schnitt zu zeigen?«
»Gerne.« Marie tauchte aus ihrer Versunkenheit auf und lächelte ihrer geduldigen Gastgeberin dankbar zu. Nun gesellten sich noch andere Damen zu ihnen, die den Jagdtrupp bereits verlassen hatten. Jede kannte irgendwelchen neuen Klatsch, und so entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, die auch nicht endete, als sie den unterhalb der Weilburg gelegenen Sammelplatz erreichten, auf dem bereits alles für den festlichen Umtrunk und ein reichlich bemessenes Mahl vorbereitet worden war. Marie und ihre Begleiterinnen waren kaum aus den Sätteln gestiegen, da reichten ihnen die Pagen, die in die Farben des Weilburgers gekleidet waren, Becher mit heißem Würzwein. Trotz des durch kaum eine Wolke getrübten Sonnenscheins war es jetzt, Ende Oktober, bereits empfindlich kühl und ein Trunk, der von innen wärmte, jedermann willkommen. Das Getränk war so heiß, dass Marie sich beinahe die Lippen verbrannt hätte, schmeckte jedoch besser, als Irmingard es prophezeit hatte.
»So ein Schluck tut immer gut«, sagte Frau Luitwine von Terlingen zufrieden und streckte einem Pagen auffordernd ihr leeres Trinkgefäß hin. Marie ließ es bei dem einen Becher bewenden und sah den Jagdknechten zu, die das erlegte Wild herbeibrachten und am Rand des Platzes aufreihten. Die Strecke, die den noch mit Eis aus dem letzten Winter gekühlten Vorratskeller auf der Weilburg füllen würde, war schon jetzt recht beachtlich. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .